Bilder vom urbanen und obzönen Leben

Der Fotograf ARAKI Nobuyoshi

Bilder vom urbanen und obzönen Leben

„Ich habe dieses Buch hier geschenkt bekommen,“ sagte Jens mit geheimnisvoll gesenkter Stimme, während er mir ARAKI Nobuyoshis Tokyo Lucky Hole reichte: „Ich denke, es ist eher etwas für euch.“ Worauf er dabei anspielte, war die oberste Ebene unseres Bücherregals, welche mit einigen Werken erotischer Literatur gefüllt ist. Und beim Anschauen des Buches hatte Jens offensichtlich seinen eigenen Geschmack nicht wiederfinden können und an uns denken müssen. So blätterte auch ich den telefonbuchdicken Bildband auf, um herauszufinden, wie Jens uns so einschätzte…

Eher falsch, war mein erstes Resümee. Das Titelbild hatte schon recht viel über das verraten, was mich in den einigen hundert Seiten mit schwarz-weiß Fotografien erwarten würde: 80er Jahre Mädels aus dem Rotlichtgewerbe, die teilweise sich als Person, teilweise auch nur Teile derselben in Form von primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen zeigen. In den Bilderstrecken des Buches sieht man die Damen dann teilweise bei ihrer Arbeit in Nachtclubs, Love Hotels, in unzähligen Betten und Bondage-Kellern sowie an Pornofilm-Sets. Gestalterisch sind die Bilder fernab von jeglicher Künstlichkeit. Wer in ARAKIs „Tokyo Lucky Hole“ nach Hochglanz schwarz-weiß Erotik a la Helmut Newton sucht, wird wohl recht schnell ergebnislos am Ende des Bandes angelangt sein. Die Fotos wirken eher wie die Zeitzeugen einer großen, stimmungsvollen Sause durch Tôkyôs Rotlichtmilieu. Den Meister selbst sieht man auch in einigen feucht-fröhlichen Situationen Sektgläser schwenkend im Kreise anderer Männer und den Amüsierdamen und auch mal Hand im Schambereich anlegend – manche mögen dies dies „alltagskulturelle Ästhetik“ nennen.

Langeweile scheint bei der Produktion der Bilderstrecken, die zwischen 1983 und 1985 entstanden, jedenfalls nicht aufgekommen zu sein. Damals, als die japanische Sex-Industrie bereits in voller Blüte stand, erkundete ARAKI zusammen mit dem Herausgeber der Zeitschrift „Photo Age“ SUEI Akira und einem Fotoapparat die Amüsierviertel Tôkyôs. P.Wayermayr schrieb einmal über ARAKI, dass er sich das Medium Fotografie ihn einer Form zu eigen gemacht habe, die es ihm erlaube, das Leben in der Stadt Tôkyô geradezu minutiös festzuhalten. Und genau dies ist der schon eingangs beschriebene Realismus einer Party- Fotosammlung. Zustande kommen solche Momentaufnahmen durch den Einsatz von bis zu 40 Fotofilmen pro Tag. Dies produziert zunächst einmal einen gewaltigen Output, darunter auch einen großen Berg an unbrauchbarem Material. Übrig bleibt aber immer noch eien ganze Reihe Fotos, die man als Fotodokumenente bezeichnen muss – ähnlich den bewegten Bildern eines Dokumentarfilmers.

Auch wenn in dem eben beschriebenen Buch die meisten Bilder aussehen wie Schnappschüsse (und es vielleicht auch sind), so finden sich auch einige Fotos, die in hohem Maße  komponiert wirken. Hierin begegnet uns der andere ARAKI, der manisch-perfektionistische Künstler, der neben Mädchen auch Stilleben, Stadtansichten und Haustiere photochemisch auf Papier bannt.

ARAKI wurde im Mai 1940 in Tôkyô geboren. Schon bald entschied er sich für Fotografie und Film, denn mit 19 begann er sein Studium in diesen beiden Fächern an der Chiba Universität. Sein Hauptaugenmerk lag dabei in italienischem Neo-Realismus und dem Französischen New Wave. Idole findet er in den Regisseuren Carl Theodor Dreyer, Robert Bresson und auch Jean Luc Godart. Als Abschlussarbeit liefert ARAKI einen 30 minütigen Kurzfilm ab: „Children Living In Apartments“ ab.

Nach Abschluss seines Studiums im Jahr 1963 sieht es zunächst so aus, als würde ARAKI die künstlerische Schiene verlassen: Er beginnt einen Job als Werbefotograf in Japans größter Werbeagentur Dentsu. Doch bereits während seiner Zeit kommerziell- künstlerischen Schaffens beginnt er, seine Kolleginnen zu fotografieren – ohne kommerzielles Interesse.

1964 produziert Nobuyoshi einen Film namens „Satchin and His Brother Mabo“, durch den er in künstlerischen Kreisen bekannt wird und den Taiyo Preis gewinnt. Fotos aus dem Film werden in der Zeitschrift „Camera Geijutsu“ veröffentlicht, mit dessen Herausgeber KINEO Kuwabara er sich anfreundet.

Seinen ersten Schritt in Richtung „Lucky Hole“ unternimmt er 1965 nachdem er Dreyers „La Passion de Jean d’Arc“ sah. Frisch inspiriert fotografiert er eine Prostituierte namens Gemi und arrangiert diese Bilder in einem Buch, das er unter dem Namen „Gemi: La Passion de Jean d’Arc“ herausbringt. Ein Nachfolgebuch heißt „Geimi: A Whore“.

Noch expliziter wird er 1970: In einer Ausstellung seiner Bilder namens „Sur-sentimentalist Manifesto No. 2: The Truth about Carmen Marie“ zeigen die Mädchen wirklich alles – und das beinhaltet dieses mal auch die Darstellung von weiblichen Genitalien. Der Ausstellung war eine ungewöhnliche Direktmarketing- Aktion vorausgegangen: ARAKI hatte eine bunte Auswahl seiner Werke fotokopiert und 25 Personen per Post zukommen lassen, darunter Freunden, Kunstkritikern und Empfängern, deren Adresse er wahllos aus dem Telefonbuch herausgesucht hatte.

1972, ein Jahr nachdem er AOKI Yoko heiratete, schmeißt ARAKI seinen Job bei Dentsu, um sich mehr seinen eigenen Projekten widmen zu können. Dazu gehörten in den folgenden Jahren eine Photo-Workshop Schule mit anderen Kreativen sowie dann eine eigene Schule für Fotografie.

Ohne Obzönität wären unsere Städte farblos und das Leben trostlos.
— ARAKI Nobuyoshi
Nach der Arbeit als Kameramann für SUZUKI Seijuns 1980er Film „Gipsy Songs – Zigeunerweisen“ dreht 1981 seinen ersten eigenen kommerziellen Film mit dem Namen „Pseudo Diary: Highschool Girls“. In dieser Zeit beginnt ARAKI auch seine Tätigkeit für die japanische Ausgabe des Playboy. Er produziert hierfür Fotoserien von Prostituierten in New York und Mexiko City. Wie eingangs erwähnt, drückt sich ARAKI in dieser Zeit auch verstärkt mit seiner Kamera in Tôkyôs Amüsiervierteln herum.
In Shinjukus Kabukichô entstehen zu dieser Zeit aufsehenerregende Etablissements wie die sogenannten No-Pan-Kissa oder das „Lucky Hole“, das dem zu Anfang erwähnten, nun auf unserem obersten Regalbrett stehenden Buch seinen Namen gab. Die No-Pan-Kissa waren im Grunde ganz normale Cafés („Kissa“ ist die Kurzform für das japanische Wort für Cafe, kissaten), deren Besonderheit in zwei Dingen lag: Der Preis für einen Kaffee war mindestens dreimal so hoch wie andernorts und die Kellerinnen trugen sehr kurze Röcke, Strumpfhosen und verzichteten auf ihre Slips (No Pan(ties)). Durch dieses fehlende Bekleidungsdetail wurde das Herunterbeugen zum Abstellen eines Getränks oder Leeren des Aschenbechers zum echten Hingucker und die Geschäftsidee zu einem Riesenerfolg.
Das „Lucky Hole“ war ein Amüsierbetrieb, in dem hinter Vorhängen ein Loch in einer Holzwand in Gürtellinienhöhe befand. Abgespannt Männer konnten sich hier eine entspannende Massage des durch das Loch gesteckten Körperteils erhoffen. Auch diese anonyme Form der Entspannung wurde zu einem Erfolg und von ARAKI ausgiebig fotografiert.

Ein neues Sittengesetz, das am 15.Februar 1985 in Kraft tritt, sorgt für die Schließung einiger solcher Vergnügungslokale und beraubt ARAKI eines Teils seines Motivspektrums. ARAKI selbst kommt auch während seiner Schaffenszeit mehrfach in Bredouille mit den Sittengesetzen. So lässt die Polizei die April Ausgabe der „Photo Age“ im Jahr 1988 vom Markt nehmen, da die Darstellungen zu obzön seien. 1992 wird die Ausstellung „Photomania Diary“ von der Polizei geschlossen. Die Beamten konfiszieren acht Bildreihen und ARAKI wird mit einer Geldstrafe von 300.000 Yen bedacht.
Im darauffolgenden Jahr werden Mitarbeiter der Parco Galerie in Shibuya verhaftet, weil sie Exemplare des auch als obzön bezeichneten Buches „Erotos“ verkauften – ein Buch, welches in anderen Teilen der Welt als künstlerisch wertvoll gilt.

Ganz und gar ohne Obzönität kamen die Bilder aus, die er 1996 von Ex-Sugarcubes Frontfrau und Schauspielerin Björk aufnahm. Die sehr intensiven Fotos waren damals in etlichen Zeitschriften erschienen und hatten weiter für die weltweite Näherung seines Ruhms gesorgt.

Nach dem ersten Durchblättern des „Lucky Hole“ las ich auf dem Buchrücken ein Zitat ARAKIs: „Ohne Obzönität wären unsere Städte farblos und das Leben trostlos.“ Stimmt, stellte ich für mich fest und beförderte das Buch grinsend in das besagte Regal. Irgendwie hatte Jens ja doch mit seiner Einschätzung recht behalten.

Japanische Sportarten - Sumo
Vorheriger Artikel
Sumô
Matcha-Tee wird zubereitet
Nächster Artikel
Begründer der Tee-Kunst

Kein Kommentare

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

Zurück
TEILEN

Bilder vom urbanen und obzönen Leben