Battle Royale

43 Schüler einer japanischen Oberschule sind reif für die Insel. Nicht aus Stress etwa – der kommt später – sondern weil sie ungehorsam waren, es das neue MERA-Gesetz gibt und sie einfach Pech hatten, als Kandidaten für ein Spiel um Leben und Tod ausgewählt worden zu sein.

Japan in naher Zukunft. Eigentlich fängt alles ganz harmonisch für Shuya (FUJIWARA Tatsuya) und seine Klassenkameraden der 9b der Zentsuji Oberschule an: Unterwegs auf Klassenfahrt, gelöste Stimmung im Bus und schnell ein paar Erinnerungsfotos mit den besten Freunden und Freundinnen geschossen. Harter Schnitt.
Shuya wird wach und schaut sich im Bus um. Alle Mitschüler und Lehrer liegen schlafend im Bus, die Tür wird aufgerissen und Gestalten mit ABC-Schutzmasken stürmen herein und schicken Shuya mit einem beherzten Schlag wieder zurück ins Reich der Träume. Harter Schnitt.
Die Schüler haben Halsbänder aus Metall um den Hals und befinden sich in einem Klassenraum auf einer Insel, als Herr Kitano (KITANO Takeshi), ein Ex-Lehrer der Pennäler den Raum betritt. Nervöse Schülerfragen nach dem Aufenthaltsort und Grund der brutalen Entführung werden pflichtbewusst erklärt:

Battle Royale. Diese spielen nicht mehr mit
Keine Gewinnertypen. Diese Spieler sind beim Battle Royale bereits ausgeschieden. Bild: (c) Toei Co.Ltd./Kinowelt

Die Arbeitslosigkeit in Japan hat ein Rekordhoch von 15% erreicht. Aus Perspektivenmangel boykottieren die meisten Schüler den Unterricht, Respekt und Disziplin sind bei den Jugendlichen der einst hierauf ruhenden japanischen Gesellschaft zu Fremdwörtern geworden. Als Notbremse gegen diese Anarchie wurde von den Erwachsenen der „Millennium Educational Reform Act” beschlossen, dessen Wirkung in der Abschreckung liegen soll: Im auch im medial aufgeregt berichteten Spektakel „Battle Royale“ wird jährlich eine japanische Klasse ausgelost, die sich auf einer eigens geräumten Insel bis aufs Blut bekämpfen soll.

Lehrer Kitano, fortan Showmaster des Wettkampfs, macht sich nicht die Mühe, die genauen Regeln persönlich zu erklären. Diese werden durch ein Video im Konsolenspiellook erklärt – perfekt abgestimmt auf die Sehgewohnheiten der widerspenstigen Racker. Ein Mädchen im Lara Croft-Look (MIYAMURA Yûko) erklärt hier mit fröhlich-aufgedrehter Stimme: Das „Spiel” läuft drei Tage. Ziel ist ein Kampf jeder gegen jeden, bei dem genau eine Person überleben soll (eine Idee, die einige Jahre später für die Tribute von Panem-Trilogie recycelt wurde) . Überlebt mehr als einer, werden Kapseln in den Halsbändern gesprengt, was den sicheren Tod der Überlebenden bedeutet. Die Teilnehmer erhalten nacheinander Rucksäcke mit Verpflegung und Karte und einer zufällig ausgewählten Waffe. Dies kann eine Maschinenpistole sein, aber auch – das Schicksal kann hart sein – ein Kochtopfdeckel. Die Runde der widerwilligen Spieler wird durch zwei Freiwillige ergänzt und schon kann die Show beginnen.

Einem brutalen Ausgangsszenario folgt naturgemäß ein Film voller Gewalttätigkeiten, der in seinem Entstehungsjahr in Japan ebenso populär, wie umstritten war. FUKASAKUs „Was wäre wenn…”- Betrachtung basiert auf KOSHUN Takamis Bestsellerroman „Battle Royal“ und ist in seiner Interpretation auch vor den jugendkriminellen Hintergründen zu sehen, die Japan Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre schockten.

Auch Reality-Show Formate wie „Endurance“ und „Survivor“ sind in die Handlung eingeflossen. TV-Reihen, die im Entstehungsjahr des Films weltweit die Sensationsgier der Zuschauer befriedigten und auch im Film ihre Entsprechung gefunden haben: Eine aufgeregte Reporterin begrüßt in einer eingeschnittenen Szene die blutverschmierte minderjährige Siegerin eines „Battle Royale“- Wettkampfs, die geistesentrückt in die Kameras lächelt. Die Medienvertreter jubeln. Während KOSHUNs Geschichte noch in einer faschistischen Parallelwelt Japans stattfindet, basiert die Betrachtung des 71-jährigen Regieverteranen FUKASAKU und seines Drehbuchautoren FUKASAKU Kenta entsprechend auf kritisch überspitzten Realitäten.

Trotz – oder gerade wegen – all der Kontroverse und Skandälchen um den Film (FUKASAKU weigerte sich unter anderem, seinen Film schneiden zu lassen, um dem Wunsch seiner Produktionsgesellschaft zu entsprechen, den Film auch jüngeren Zuschauern zugänglich machen zu können) wurde er in Japan ein Top 10-Erfolg unter den einheimischen Produktionen, der 2000 nur von MIIKE Takashis „Audition“ (Odishon) übertroffen wurde.

Das Kunststück der Macher und Schauspieler von „Battle Royale“ liegt zuletzt aber darin, dass der Film trotz recht magerer „10 kleine Negerlein”- Handlung und Ego-Shooter-Ausgangssituation nicht auf das inhaltliche Niveau eines solchen Computerspiels abgleitet. Anders als in vielen anderen Actionfilmen wird das Töten und Sterben von FUKASAKU nicht als Effektfeuerwerk ästhetisch-theatralischer Zeitlupenbilder zelebriert. Sterben findet in „Battle Royale“ hässlich und realistisch statt. Wie schon in Goldings „Herr der Fliegen“ löst sich Moral in der nahezu erwachsenenfreien Gesellschaft in ernüchternd kurzer Zeit auf, Lapalien längst vergessen geglaubter Eifersüchteleien werden schnell als Rechtfertigung der Beseitigung von Konkurrenten herangezogen.

KITANO Takeshi, dessen Figur bezeichnenderweise seinen Nachnamen trägt und ebenso wie er die Rolle des Showmasters ausfüllt, die er im wahren Leben mit unzähligen Unterhaltungssendungen wie „Takeshis Castle“ und „Die spinnen, die Japaner“ („koko ga hen da yo – nihonjin“) seit Jahren innehat, ist der Stellvertreter dieser inzwischen auch entgleisten und apathischen Erwachsenengesellschaft, die einst den Wideraufbau Japans angetrieben hatte. Wenn KITANO als Ex-Lehrer dreimal täglich über Lautsprecher verkündet, welche Schüler inzwischen das Zeitliche segneten und die Verbliebenen antreibt, sich etwas mehr anzustrengen, wenn die „Ausbeute” zu gering war, bleibt seine Figur dabei erschreckend emotionslos. Auch wenn er dabei kalt und unmenschlich dreinblickt und – wie zu Anfang des Films dramatisch demonstriert – auch agiert, ohne, und das bleibt das Verblüffende, als Figur gänzlich unsympathisch zu sein. Lehrer Kitano ist eine gebrochene Figur, eine tragische Gestalt, der sowohl der Lehrerjob, als auch sein privates Umfeld – soviel lässt uns FUKASAKU durch Anrufe Kitanos Tochter wissen – uneinholbar entglitt.

Neben dem routinierten Spiel KITANOs können auch die Jungdarsteller in ihrer Aktion zwischen Mord und Tod, Liebe und Hass, Hoffnung und Angst, Freundschaft und Feindschaft bestehen. Der Zuschauer leidet mit, wünscht, dass die von den Schülern zu Anfang des Wettstreits ausgesprochenen Schwüre, die Freundschaft zu erhalten und sich gegenseitig zu schonen, halten und weiß doch, dass dies nur Wunschdenken sein kann. Auch für das neu entstehende Pärchen Shuya und Noriko (MAEDA Aki). Schließlich verlangen die Regeln: Einer oder Keiner, töten oder getötet werden.

Info Box

Battle_Royale-Plakat
Bild: (c) Toei Co.Ltd./Kinowelt

Battle Royale,
Japan 2000
R: FUKASAKU Kinji
Produzenten: KAMATANI Akio, KAYAMA Tetsu
Drehbuch: FUKASAKU Kenta (nach dem Roman von KOSHUN Takami)
Soundtrack: AMANO Masamichi
Kamera: YANAGISHIMA Katsumi
D: FUJIWARA Tatsuya (NANAGARA Shuya), MAEDA Aki (NAKAGAWA Noriko), KITANO Takeshi (Lehrer Kitano), YAMAMOTO Tarô (KAWADA Shôgo), SHIBASAKI Kô (SÔMA Mitsuko), KURIYAMA Chiaki (CHIGUSA Takako)
Verleih (Japan): Toei Co. Ltd.
Verleih (Deutschland): Kinowelt AG
113 Minuten (normal) bzw. 122 Minuten (Special Edition)
Kinostart Japan: 16.12.2000

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Fazit

7.8
Bitterböse und schwarzhumorige Verfilmung des Erfolgsromans von TAKAMI Kôshun. Wie gut der Stoff ist, beweist dieser routiniert gespielte Film und die Tatsache, dass er auch noch die Panem-"Erfinderin" Suzanne Collins sehr reich machen konnte.
Gesamtwertung 7.8
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