ASAHARA Shôkô

Führer der Aum-Sekte

ASAHARA Shôkô

ASAHARA Shôkô, mit bürgerlichem Namen MATSUMOTO Chizuo, wurde 1955 als vierter Sohn eines Tatamiflechters geboren. Er wuchs auf der südlichen Insel Kyûshû in ärmlichen Verhältnissen auf. Da er seit seiner Geburt auf dem linken Auge blind war und auf dem rechten nur teilweise sehen konnte, wurde er auf eine Blindenschule geschickt, in der er sich durch seine minimal vorhandene Sehkraft Vorteile verschaffte. Es wird gesagt, dass er schon zu diesem Zeitpunkt Menschen tyrannisierte und schikanierte – diesem Fall seine Mitschüler. Der Einzige, von dem man sagt, dass er ihn zu einem etwas netteren Verhalten bringen konnte, sei sein älterer, ebenfalls erblindeter Bruder gewesen. Schon sehr früh zeigte sich, dass MATSUMOTO Führungsaufgaben übernehmen wollte; immer wieder kandidierte er für das Amt des Schulsprechers, wurde aber niemals gewählt. Er litt sehr unter den permanenten Misserfolgen und nachdem er die Aufnahmeprüfung an der elitären Tôkyô-Universität nicht geschafft hatte, kehrte er nach Hause zurück. Bald darauf erfolgte seine erste Festnahme, da er einen Arbeitskollegen niedergeschlagen hatte. Nach diesem Vorfall zog Matsumoto wieder nach Tôkyô, wo er auf die Studentin Tomoko traf, die er im Januar 1978 als 23jähriger heiratete. Nur sechs Monate nach der Hochzeit kam das erste von sechs Kindern auf die Welt. Mit finanzieller Unterstützung ihrer Familie konnte er die MATSUMOTO-Akupunktur-Klinik eröffnen, wo er Patienten mittels Akupunktur und Yogaübungen behandelte. Für seine dreimonatigen Behandlungen verlangte er bis zu 7.000 US Dollar; nebenbei zog er als „Wunderheiler“ durch Hotels. Er behauptete, Rheuma heilen zu können – und kassierte für seine zweifelhaften Heilmethoden immense Summen.

1982 wurde er erneut festgenommen. Dieses Mal warf man ihm Betrug vor. Er kam mit einer Geldstrafe in Höhe von 1.000 US Dollar davon. Zu diesem Zeitpunkt verursachte ihm diese Strafe keine allzu großen finanziellen Probleme, da er bereits mehr als 200.000 US Dollar verdient hatte. Doch trotz der in kurzer Zeit geschaffenen Rücklagen kam er sich unausgefüllt vor. Somit entschloss er sich 1981 der Agonshû-Sekte beizutreten, in der Hoffnung, dass die Rituale ihn innerlich zur Ruhe bringen würden. Er fühlte sich dort jedoch seelisch unausgeglichener als zuvor und verließ die Sekte bald wieder. Dennoch erschien ihm die dort verbrachte Zeit nicht sinnlos, denn er hatte jetzt ein Modell gefunden, nachdem er eine eigene Sekte aufbauen wollte.

Anfang 1984 gründete MATSUMOTO Chizuo eine Gesellschaft mit dem Namen Aum e.V. Der 29 jährige Präsident nannte sein erstes Unternehmen „Die Aum-Gemeinschaft der Magier vom Berge“.
Bald darauf änderte MATSUMOTO Chizuo seinen Namen in ASAHARA Shôkô, denn er war davon überzeugt, dass er derjenige sei, der dafür bestimmt ist, ausgesuchte Jünger vor dem Armageddon zu retten. Gleichzeitig mit der Namensänderung ging eine optische Wandlung des frisch gebackenen Sektenführers einher. Er ließ sich einen üppigen Bart stehen und kleidete sich fortan in elfenbeinfarbenen Gewändern, traditionell Heiligen vorbehalten.
Mit der Ablegung seines Namens versuchte er die Vergangenheit hinter sich zu lassen und alles, was er damit verband: Armut, Misserfolg und die ausgeprägte Sehschwäche.

Schon bald verkündete ASAHARA, der sich mittlerweile „Ehrwürdiger Meister“ nennen ließ, dass seine Schule nicht länger „Aum-Gemeinschaft der Magier vom Berge“ heißen, sondern in „Ômu Shinrikyô“ („Höchste Wahrheit“) umbenannt wird. Er passte in diesem Schritt nicht nur den Namen, sondern auch die Lehren an, die er predigte. Dies führte zu einer zunehmenden Radikalisierung der von ihm geführten Aum-Sekte, die schließlich im einem Saringas-Attentat auf das Tôkyôter-U-Bahn-System am 20. März 1995 gipfelte.

Knapp zwei Monate wurde ASAHARA festgenommen. Die Anklage, basierend auf den Aussagen ehemaliger Aum-Sektenmitglieder, beschuldigte ihn wegen einer Vielzahl von Straftatbeständen an, darunter Mord in 23 Fällen. Im Jahr 2004 wurde der Prozess mit einem Schuldspruch abgeschlossen und ASAHARA zum Tode verurteilt. Der oberste Gerichtshof Japans bestätigte das Urteil im September 2006 in letzter Instanz. Angehörige ASAHARAs beantragten im November 2008 eine Neuverhandlung; dieses Gesuch wurde im März 2009 abgelehnt. Am 6. Juli 2018 – mehr als 23 Jahren nach dem tödlichen Giftgasangriff – wurde das Todesurteil vollstreckt und MATSUMOTO Chizuo im Alter von 63 Jahren erhangen.

Lesetipp

Auch der Träger des Welt-Literaturpreises, MURAKAMI Haruki, hat sich mit den Anschlägen der Aum-Sekte auseinandergesetzt. Hierfür führte er Interviews mit Opfern und deren Angehörigen. Das Buch erschien in Japan 1997 unter dem Namen „Underground“ (アンダーグラウンド). Die 2002 erschienene deutschsprachige Ausgabe mit dem Titel „Untergrundkrieg“ wurde um acht Interviews angereichert, die MURAKAMI mit ehemaligen Sektenmitgliedern geführt hatte und die in der Zeitschrift „Bungeishunjū“ erstveröffentlicht wurden.
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