Literarische Genre der Edo-Zeit

Literarische Genre der Edo-Zeit

Im Folgenden sollen die wichtigsten Genres der Erzählprosa der Edo-Zeit kurz dargestellt werden. Die Reihenfolge der Darstellung richtet sich nach der Entstehungszeit.

Die erste Gruppe neuer Prosawerke waren die sogenannten kanazôshi, kurze, zumeist humoristische, belehrende Novellen und Kurzgeschichten, die in einer Mischform aus kanji und kana geschrieben waren. Wegen ihrer großen Heterogenität können sie allerdings kaum als ‘Genre’ bezeichnet werden. In ihrer ersten Hochphase, der Zeit zwischen 1620 und 1660, orientierten sich die kanazôshi hauptsächlich an den japanischen Klassikern, indem sie diese adaptierten oder sogar parodierten. Das klassische „Ise monogatari“ kam beispielsweise als „Nise monogatari“ in Druck, das legendäre „Makura no sôshi“ (um 1000) wurde zum „Mottomo no sôshi“.

Etwa ab 1660 entwickelten sich die kanazôshi zu einer Art Sprachrohr für die chônin, in dem diese Selbstverständnis und Bedürfnisse artikulierten. Die Verfasser waren zwar größtenteils Samurai, diese hatten sich inzwischen jedoch in ihrem Lebensstil immer mehr dem Bürgertum angenähert.

Ab dem späten 17. Jahrhundert verloren die kanazôshi schnell an Bedeutung, als das „erste originale Erzählgenre der Edo-Zeit“, die ukiyozôshi, entstand. Diese „Hefte der fließenden Welt“ waren meist Sammlungen von Episoden, die, möglichst realistisch, das Alltagsleben der chônin darstellen sollten. Schauplatz war oft Ôsaka, die chônin-Metropole. Es ging um das wirtschaftliche und gesellschaftliche Streben nach Erfolg oder auch um die sinnliche Seite des Lebens.
Als Begründer der ukiyozôshi gilt IHARA Saikaku, der mit seinem Werk „Kôshoku ichidai otoko“ („Das Leben eines der Liebe ergebenen Mannes“,1682) den Anfangspunkt für eine neue Literatur bildete.
Nach Saikaku verloren die ukiyozôshi allmählich an literarischem Rang und gerieten ab Mitte des 18. Jahrhunderts langsam in Vergessenheit.

Ein anderes Genre, das ab 1715 großen Erfolg hatte, waren die katagimono („Typenschilderungen“). Nach Beruf, Stand, Geschlecht, usw. festgelegte Figuren wurden in den katagimono typisiert und karikierend überzeichnet. Man kam immer mehr davon ab, das menschliche Leben realistisch erfassen zu wollen.

In Edo fanden sich ab den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts spezielle Ausprägungen von populärer Literatur. In den unter den Begriffen kusazôshi („Allerlei-Hefte“) zusammengefaßten Schriftstücken spielten Illustrationen eine entscheidende Rolle.

Angefangen mit den nach der Farbe ihrer Umschläge benannten akahon („Rotbücher“), Märchen für Frauen und Kinder, kurohon („Schwarzbücher“) und aohon („Grünbücher“), Helden- und Rachegeschichten, entwickelte sich ab 1775 mit den kibyôshi (benannt nach dem „gelben Umschlag“) ein Genre, das bebilderte Geschichten für Erwachsene darbot. Die kibyôshi stellten zunächst auf humorvolle Weise das tägliche Leben des Volkes dar (Schauplatz war oft das Freudenviertel), befassten sich ironisierend mit Erscheinungen der Zeit und entwickelten sich teilweise sogar zur politischen Satire.

Durch Zensurmaßnahmen der Regierung eingeschränkt, legten die kibyôshi diesen Charakter dann wieder ab und ‘verharmlosten’ zu moralisierenden, romantischen Blutrachegeschichten. Diese wurden zu aufwendigen Abenteuergeschichten ausgebaut und in größerem Rahmen als sogenannte gôkan herausgegeben, die ab Anfang des 19. Jahrhunderts bei der Bevölkerung von Edo groß in Mode waren.

Etwa zur gleichen Zeit wie die kibyôshi entstand ein Genre, das sich ausschließlich mit der Thematik ‘Freudenviertel’ befasste: die sharebon. Die häufig als „Witzige Bücher feiner Lebensart“ übersetzen Werke, waren fast immer nach dem gleichen Schema aufgebaut: ein junger Tölpel gerät an einen Kenner des Milieus und lernt die Welt des Freudenviertels kennen.
Die sharebon wurden in umgangssprachlicher, skizzenhafter Dialogform geschrieben. Obwohl in diesen Büchern keine konkreten erotischen oder sexuellen Situationen geschildert wurden, fielen auch sie der edozeitlichen Zensur zum Opfer und verlagerten den Schwerpunkt der Thematik auf harmonisierende Lobpreisung von echter Liebe und Familienbindung.

Die ninjôbon („Bücher der menschlichen Gefühle“), die seit Mitte des 18. Jahrhunderts aufkamen, werden als die ersten japanischen Liebesromane gesehen. Hier wurde in abgeschwächter Form die Freudenviertel-Thematik aufgegriffen, nachdem die sharebon untergegangen waren.

In den sogenannten kokkeibon („Komikbücher“), hingegen, wurde das Komische der zensierten kibyôshi weiterentwickelt, jedoch nicht auf fein-satirische Art, sondern mit auf drastischer Situationskomik und auf Wortwitz beruhendem Humor.

Eine Ausnahme innerhalb der Literatur der Edo-Zeit stellten die yomihon („Lesebücher“) dar, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts populär wurden. In dieser Art Bücher waren weniger Illustrationen zu finden als in den kusazôshi, dafür aber viele komplizierte kanji. Die yomihon waren anspruchsvollere Romane, die sich hauptsächlich an chinesischen Klassikern orientierten.

Lyrik, Drama, Sachbücher

In der Edo-Zeit ist außerordentlich viel Erzählprosa produziert worden. Darüberhinaus existierte jedoch auch ein lebhafter Markt für andere Arten von Literatur.

In der Lyrik der Edo-Zeit existierten nebeneinander das 31-silbige waka-Gedicht,das im zehnten Jahrhundert entstanden ist, das renga, eine Aneinanderreihung von waka, das im 14. Jahrhundert aufgekommen war, und das haikai (= haiku), eine Verkürzung des waka, das mit MATSUO Bashô (1644-1694) im 17. Jahrhundert zur bedeutendsten Ausprägung kam.

Eine für die Edo-Zeit typische Neuerung ist das kyôka („Tollgedicht“, „Spottvers“). Das kyôka war in der Form des waka geschrieben, stellte jedoch ein humoristisch-satirisches Gegenstück zu diesem dar, in dem alles, was im waka vornehm und zart dargestellt wurde, ins Gegenteil verkehrt wurde.

Überdies herrschte während der gesamten Edo-Zeit ein reger Markt für Sachbücher aller Art: Ratgeber für das tägliche Leben, Briefsteller, Vorläufer von Reiseführern und vieles mehr. Ein Beispiel hierfür ist der „Kriegerspiegel“ (bukan), eigentlich eine Art ‘Adelsregister’, und gleichzeitig „Adressbuch und Hauptstadtinformation für die zahlreichen Dienstleistungen und Zulieferer aus der Klasse der chônin.“ Ein anderer ‘Dauerbrenner’ war der „Yoshiwara saiken“, ein Führer durch das Freudenviertel von Edo, der Auskunft über die verschiedenen Etablissements und über Namen und Ränge der Kurtisanen gab.

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