Chihiros Reise ins Zauberland

Wo die Götter ausspannen

Chihiros Reise ins Zauberland

Die zehnjährige Chihiro versteht ihre Eltern nicht. Erst wollen sie unbedingt umziehen, so dass Chihiro alle ihre Freunde zurücklassen muss und dann müssen sie auf dem Weg in die neue Wohnung die Mittagspause ausgerechnet in einem verlassenen Vergnügungspark verbringen. Chihiro ist der Ort eher unheimlich, aber ihre Eltern sind begeistert, als sie an einer menschenleeren Bude plötzlich köstliche Speisen aufgetischt sehen. Während ihre Tochter alleine herumstreift, schlagen sich die beiden tüchtig den Bauch voll. Als Chihiro nach einer Weile zurückkommt, um die Eltern zu bitten, endlich weiterzufahren, bekommt sie einen furchtbaren Schreck: Ihre Eltern haben sich in Schweine verwandelt!

Ein märchen-inspirierter Start für einen märchenhaften Film. MIYAZAKI Hayao erschafft in seinem neusten Film „Sen to Chihiro no Kamikakushi“, der am 20. März 2003 unter dem Titel „Chihiros Reise ins Zauberland“ auch in die deutschen Kinos kam, eine fantastische Welt, die von einer Unmenge seltsamer Kreaturen bevölkert wird.

Was Chihiros Eltern nämlich nicht wussten: Die bunten Buden gehören nicht zu einem verlassenen Vergnügungspark, sondern vielmehr zu einem Badehaus, in dem sich die Göttern nach Feierabend einfinden, um nach einem schweren Arbeitstag ein wenig zu entspannen. So weit, so originell. Da ihre Eltern den Göttern das Abendmahl weggegessen haben und nun selber als Götterspeise gemästet werden, ist die verängstigte Chihiro nun völlig auf sich allein gestellt.

In der einbrechenden Dunkelheit bemerkt sie dann auch noch, dass der Weg zum Auto der Eltern durch einen aus dem Nichts entstandenen See abgeschnitten ist, über den nun mit einem Schiff zahlreiche Götter ankommen – allesamt ziemlich gruselige Gestalten. Auf den Rat eines Jungen hin, der ihr helfen will, erkämpft sich Chihiro eine Stelle als Arbeiterin in dem Badehaus. Ihre neue Chefin, die böse Hexe Yubaba, stiehlt ihr beim Unterschreiben des Arbeitsvertrages einen Teil ihres Namens. Der verbleibende Teil kann im Japanischen auch „Sen“ gelesen werden – aus Chihiro wird nun Sen. Das ist ein alter Trick von Yubaba – indem sie ihren Arbeitern den Namen wegnimmt, gewinnt sie Macht über diese.

Bei ihren daraufhin folgenden wundersamen Abenteuern an dem ungewöhnlichen Ort macht Sen unter anderem die Bekanntschaft mit einem Spinnenmann, einem Riesenbaby, einem gesichtslosen Wesen, das Gold zaubern kann und natürlich Haku, dem Jungen, der ihr schon am Anfang geholfen hat.

Während der an „Alice im Wunderland“ erinnernde Film in Japan alle Besucherrekorde brach und innerhalb kürzester Zeit als in Japan erfolgreichster Film aller Zeiten sogar den Hollywood-Kracher „Titanic“ und MIYAZAKIs Vorgänger „Mononoke Hime“ hinter sich ließ, stieß er bei der Pressevorführung auf der Berlinale eher auf Unverständnis. Zahlreiche Kritiker verließen den Film während der Vorstellung – bei der Pressekonferenz standen gerade mal zwei Dutzend Leute ein wenig verloren herum. Die Entscheidung der Jury „Sen to Chihiro no Kamikakushi“ mit dem Goldenen Bären zu ehren, war höchst umstritten.

Die mangelnde Begeisterung für den Film mag zu einem Teil daran liegen, dass Animationsfilme in Deutschland noch immer gern als reine Kinderfilme angesehen werden. Entsprechend werden MIYAZAKIs Filme auch schon mal mit Disney verglichen, was in etwa dasselbe ist, als wolle man Reibekuchen mit Gnocchi vergleichen – nur weil beide aus Kartoffeln gemacht sind. Während Disney meist aus schon bestehenden Märchen und Erzählungen familienfreundliche Musicals macht, erschafft MIYAZAKI neue Geschichten in fremden Welten, verliert dabei aber nie den Bezug zum heutigen Japan. Und stellt nicht zuletzt – etwa im Fall des „Sen to Chihiro“- Vorgängers „Prinzessin Mononoke“ – brutale Gewalt mitunter sehr drastisch dar.

Ein weiterer Grund für die eher laue Resonanz auf der Berlinale mag darin bestehen, dass der Film doch sehr „japanisch“ ist. Sen verbeugt sich nach japanischer Manier, niedliche kleine Wesen reisen eine Weile auf ihrer Schulter mit und die zahlreichen Gottheiten haben so gar nichts mit dem Christentum zu schaffen. Im Shintoismus, neben dem Buddhismus die erfolgreichste Religion in Japan, ist die gesamte Natur von Göttern beseelt – daran lehnt MIYAZAKI seine Figuren deutlich an. So säubert etwa Sen im Badehaus einen vom Schrott der Menschen völlig verdreckten Flussgott.
Gerade diese Szene erinnert sehr an die Mensch-und-Natur-im-Einklang-Moral aus „Prinzessin Mononoke“ – nicht unwichtig in einem Land, in dem Mülltrennung und Recycling nicht gerade enthusiastisch betrieben werden. Doch auch menschliche Werte werden bei MIYAZAKI groß geschrieben – so entrinnt Sen einer großen Gefahr, weil sie ihre Freundschaft zu Haku über einen Haufen Gold stellt.

Sicher, die Botschaft des Films ist damit nicht besonders originell und in vielerlei Hinsicht ist „Sen to Chihiro no Kamikakushi“ viel eher ein Kinderfilm als „Prinzessin Mononoke“. So ist die Hauptdarstellerin Sen jünger als die meisten Charaktere in „Mononoke hime“ und auch nicht besonders mutig. Eine Art Antiheldin also, deren Charakter sich im Verlauf des Films erst noch formt.

Gar nicht wie in einem Kinderfilm ist dagegen die Darstellung von Gut und Böse, das nicht in ein klares Schwarzweiß-Schema passt. So ist die Hexe Yubaba Oberbösewicht und liebevoll besorgte Mutter in einem. Das Wesen ohne Gesicht ist einerseits traurig, ausgestoßen und wird Sens Freund, findet aber auch nichts dabei, goldgierige Frösche mal eben so zu verschlingen.

„Chihiros Reise ins Zauberland“ als einen Film für Kinder zu bezeichnen, wird demnach MIYAZAKIs Arbeit nicht gerecht. Und selbst wenn die Moral der Geschichte flacher ist als der See, der das Badehaus von der „wirklichen Welt“ abtrennt – wenn sie so fantasievoll präsentiert wird wie hier, dann ist das allemal einen Kinobesuch wert.

Info Box

Cover Chihiros Reise ins Zauberland

Sen to Chihiro no kamikakushi,
Japan 2001
Regie MIYAZAKI Hayao
Produzenten: SUZUKI Toshio
Drehbuch: MIYAZAKI Hayao
Soundtrack: HISAISHI Jô, KIMURA Yumi (Abspanntitel „Itsumo nando demo“)
Sprecher (OV): HIIRAGI Rumi (Chihiro/Sen), IRINO Miyu (Haku), NATSUKI Mari (Yubaba), NAITÔ Takashi (Chihiros Vater), SAWAGUCHI Yasuko (Chihiros Mutter), ONO Takehiko (Aniyaku)
Verleih (Japan): Ghibli International/ Toho Company Ltd.
Verleih (D): Universum
124 Minuten (Farbe).

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