Avalon

OSHII Mamorus Philosophiestunde

Avalon

Sie haben „Die Nebel von Avalon“ gelesen? Gut, dann haben Sie sich Wissen angeeignet, dass Ihnen beim Verständnis dieses Streifens von OSHII Mamoru keinen Deut weiterhilft. Selbst die Aussagen des Regisseurs selbst bringen nur wenig Licht ins Dunkel einer verworrenen Geschichte um schlappohrige Hunde, Kriegsspiele und virtuelle Realitäten.

Hier trotzdem der verzweifelte Versuch einer kurzen Handlungswiedergabe:
Eine nicht allzu ferne Zukunft im nicht allzu fernen Polen. Eine große Anzahl von Leuten sind in den Bann eines verbotenen Kriegsspiels namens Avalon gezogen worden. Mit Hilfe von Datenhelm- und anderer Spezialhardware tauchen sie in eine Welt voller Panzer, Kampfhubschrauber und anderer Gefahren ein und liefern sich Gefechte bis zum „Reset“ – dem simulierten Tod des Avatars. Eine bewunderte Star-Spielerin ist Ash (Malgorzata Foremniak, sieht aus wie die fleischgewordene Major KUSANAGI Motoko aus OSHIIs Erfolgswerk „Ghost in a Shell“), die durch ihre kriegerischen Fertigkeiten in der virtuellen Realität ihren Lebensunterhalt bestreitet.

Ihre Existenz scheint sich hauptsächlich um das Spiel zu drehen – ihr „wahres Leben“ bleibt trist, leer, weitgehend ohne gesellschaftliche Kontakte und voll von – auch für den Zuschauer überdeutlich spürbaren – Wiederholungen. Aber auch das süchtigmachende Avalon bietet so seine Gefahren: Es kursiert unter den Spielern das Gerücht eines „Geistes“, der durch die Szenarien tobt. Von manchen als „Bug“ abgetan, zieht ein Kontakt mit diesem „Mädchen mit den traurigen Augen“ schwerwiegende Folgen nach sich: Wer ihm nachgeht, lässt lediglich seine hirntote Hülle in der Realität zurück. Die Krankhäuser sind prall gefüllt mit dahin vegetierenden Opfern ihrer Spielsucht. Auch ein Freund von Ash – Murphy, ihr ehemaliges Teammitglied innerhalb von Avalon – verbringt seine Tage stumpf vor sich hin starrend in einem Rollstuhl. Und was hat ein anderer Top-Spieler, der „Bishop“, mit diesem Geheimnis und den sagenumwobenen Programmierern des Spiels, den „Nine Sisters“, zu tun? Getrieben von Neugier, Schuldgefühlen und Ehrgeiz auf den nächsten Level, macht sich Ash auf die Suche nach diesem Geist. Die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Realitäten verwischen dabei mehr und mehr.

Warum Polen?

Der Film ist weitestgehend in Grau- und Sepiatönen gehaltenen. OSHII bietet dem Zuschauer nicht die gewohnte, japanische Hi-Tech Zukunft, sondern eine von abrissreifen Gebäuden und Lagerhallen dominierte, dystopische Landschaft. Das Computersystem des Avalon-Spiels ist der einzige Hinweis darauf, dass wir uns in einer technologisch weiterentwickelten Zukunft befinden, und nicht in einer Mad-Max-artigen Szenerie nach dem Dritten Weltkrieg. Gedreht wurde der Film in Polen und entsprechend ist er auch mit polnischen Schauspielern besetzt – nicht gerade typisch für einen japanischen Film, insbesondere da sich auch das japanische Publikum bei dem Film mit Untertiteln begnügen musste. Dreharbeiten in Polen ermöglichten, nach Aussage Herrn OSHIIs in einem Interview mit dem Online-Magazin „EX“, den kostengünstigen Einsatz realer Panzer und Militärhubschrauber und (zumindest für japanische Augen) ungewöhnliche Drehorte.

Schießen oder geschossen werden

Das Avalon-Spiel im Film erinnert stark an First Person-Shooter (aka Ego-Shooter). Um diese Spiele hat sich eine ganze Sub-Kultur formiert. Es gibt Spiel-Ligen mit Wetteinsätzen und Siegerprämien. Die Spieler formieren sich oft in sogenannten Clans, um mit vereinten Kräften gegen andere Spieler oder Clans zu siegen. Diese Elemente sind auch das Herzstück von Avalon.
Ähnlich wie die Hauptfigur Ash, dürften auch viele Jugendliche einen Großteil ihrer Zeit in diesen künstlichen Welten verbringen. Die Clans heißen hier im Film „Partys“, in denen die Mitglieder die aus Rollenspielen bekannten Funktionen wie „Krieger“, „Zauberer“, „Dieb“ oder „Bischof“ einnehmen.
Regisseur OSHII erspart sich jedoch den erhobenen Zeigefinger. Er nimmt diese Kultur als gegeben hin und interessiert sich vielmehr dafür, wie die Menschen innerhalb dieser agieren.
So kommen beim Zuschauer im Laufe des Films Zweifel auf, ob die Computer-Realität tatsächlich weniger wirklich ist, als die vermeintlich reale Welt. Level des Computer-Spiels sehen weitaus wirklichkeitsnaher aus als Ashs graue Alltagswelt. In der sogenannten „Class Real“, einem fortgeschrittenen Level des Spiels, trifft Ash wieder auf Murphy. Dieser hat die „Class Real“ zu seiner Realität erkoren. Selbst der Zuschauer erliegt dem Glauben, Murphy sei tatsächlich in der realen Welt gelandet: Im Gegensatz zu Ashs Ausgangswelt und den Spielszenarien der unteren Level sieht die „Class Real“ – nun nicht mehr monochrom, sondern vollfarbig aus – unserer eigenen Welt verblüffend ähnlich. Diese Illusion von Wirklichkeit wird aber kurz darauf zerstört. In diesem Sinne scheinen sich nach OSHII Individuen aus den gebotenen Realitäten diejenige auszusuchen, die ihnen am ehesten zusagt.

Info Box

Avalon DVD Cover
Bild: (c) Kinowelt

Avalon,
Japan 2001
R: OSHII Mamoru
Drehbuch: ITÔ Kazunori, Neil Gaiman
Soundtrack: KAWAII Kenji
D: Malgorzata Foremniak (Ash), Wladyslaw Kowalski (Game Master), Jerzy Gudejko (Murphy), Dariusz Biskupski (Bishop), Zuzanna Kasz (Ghost)
Verleih (Japan): Nippon Herald Films Inc.
106 Minuten (Farbe).
Kinostart Japan: 20.01.2001

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Fazit

5.2
Am Ende ist Schweigen. Der Film geht zu Ende, die Gesichter bleiben lang. Ein grummelndes "Naja" wird durch den Raum geraunt. Avalon ist ohne Frage kein schlechter Film. Visuell und atmosphärisch mag der erste Realfilm des Herrn OSHII durchaus überzeugen. Die Erzählweise hingegen lässt bisweilen etwas Schwung vermissen. Wen es aber nicht stört, dass OSHII und Drehbuchautor ITÔ viele Themenkomplexe nur anreißen und einige Antworten schuldig bleiben, könnte durchaus bei Avalon auf seine Kosten kommen.
Gesamtbewertung 5.2
Pro
Frisches Setting
Contra
Sperrige Erzählweise, verworrene Handlungsstränge
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