Karôshi – der Tod durch Überarbeitung

Und was Japan dagegen unternimmt

Karôshi – der Tod durch Überarbeitung

Ende vergangenen Jahres erreichte eine Meldung die Mainstream-Medien, welche eng mit einem allgegenwärtigen Problem der japanischen Arbeitskultur verbunden ist. TAKAHASHI Matsuri war Weihnachten 2015 vom Dach ihres Wohnheims gesprungen. Für den Tod übernahm ein gutes Jahr später ISHII Tadashi, Präsident der größten Werbeagentur Japans, politische Verantwortung und legte sein Amt nieder. Und lenkte so den Blick der Weltöffentlichkeit auf Karôshi (過労死), den Tod durch Überarbeitung.

TAKAHASHI Matsuri hatte über Monate massiv Überstunden bei Dentsu abgeleistet und war körperlich und mental erschöpft. Der Ausweg aus bis zu 105 Überstunden im Monat war für sie nicht die Kündigung, sondern ein im Vorfeld über Twitter angekündigter Selbstmord. Lange Arbeiten gilt für viele Japaner  als Tugend und als Zeichen der Loyalität gegenüber dem Unternehmen. Abends vor dem Vorgesetzten das Büro zu verlassen, ist für viele undenkbar.

Überstunden als Teil der Arbeitskultur haben in Japan ihren Ursprung in der Nachkriegszeit. Harte Arbeit sollte für einen schnellen Erfolg der japanischen Wirtschaft und ihrer Erzeugnisse sorgen. Das Wirtschaftswunder bestätigte dieses Konzept als sehr erfolgreich. Aber mit den Vorteilen zeigte sich auch bald die Kehrseite der Medaille mit einem Versterben von Menschen, die jung waren und kerngesund schienen. Als erster dokumentierter Karôshi gilt der Schlaganfall eines 29 Jahre alten Mitarbeiters in der Versandabteilung einer großen Tageszeitungsverlags. Doch erst in den 80er Jahren, als die Bubble Economy platzte und eine bis heute anhaltende Wirtschaftskrise began, häuften sich die Fälle arbeitsbedingten Sterbens. Konnten sich Mitarbeiter zuvor noch über einen sicheren Arbeitsplatz als Gegenleistung für ihre Loyalität gegenüber dem Unternehmen freuen, schützten fortan auch der freiwillige Verzicht auf Urlaub und das massenhafte Ableisten von Überstunden nicht mehr vor Kündigungen. Dieses Problem verschärfte sich nach der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008. Restrukturierungen führten zu massenhaften Entlassungen. Mitarbeiter versuchen daher umso mehr mit allen Mitteln den Job zu behalten, selbst wenn dafür das Büro zum eigentlichen Zuhause wurde.

Hohe Überstundenzahl bei geringer Produktivität

Doch viel Zeit auf der Arbeit zu verbringen muss nicht zwangsläufig bedeuten, viel zu schaffen. Auch wenn Angestellte in der drittgrößten Ökonomie der Welt durchschnittlich 1.719 Überstunden pro Person und Jahr ansammeln, war die Produktivität der Japaner laut dem JPC (Japan Productivity Center) im vergangenen Jahr unter allen G7-Staaten am geringsten. Gründe hierfür können eine geringe Auslastung sein oder Konzentrationsmängel durch anhaltende Überarbeitung. Hierdurch öffnet sich eine Spirale: Geringe Produktivität wird versucht, mit noch mehr Überstunden wett zu machen.

Das Resultat sind mehrere hundert Todesfälle pro Jahr durch Herzinfarkte, Schlaganfälle und Selbstmorde, die mit der Überarbeitung in Verbindung gebracht werden. Auch andere schwere Erkrankungen wie Depressionen sind häufige Nebenerscheinungen der gewaltigen Überstundenkonten. Einer Studie der regierungsnahen Organisation Japan Family Planning Association zufolge haben zudem gut die Hälfte aller Ehepaare keine Lust mehr auf Sex. Männer geben als häufigsten Grund für diese selbst auferlegte Keuschheit „Erschöpfung durch den Job“ an.

Doch wie groß ist die Gefahr von Karôshi? Laut einer im Oktober 2016 veröffentlichten und durch das Kabinett von ABE Shinzô beauftragten Untersuchung ist statistisch gesehen in jedem fünften Unternehmen Überarbeitung an der Tagesordnung. Das Phänomen hat in den letzten Monaten eine breite gesellschaftliche und politische Diskussion angestoßen. Fälle wie der von TAKAHASHI Matsuri sollen sich nicht wiederholen. Aber wie?

Müde Arbeitnehmer
Häufiges Bild im japanischen Alltag: Pendler gleichen ihr Schlafdefizit in Zügen und an Haltestellen aus. Bild: (c) smithore/Bigstock

Premium Friday für eine bessere Work-Life-Balance

Eine Lösung, die der Regierung um Premier ABE Shinzô vorschwebt, heißt Premium Friday. Mitarbeiter sollen am letzten Freitag des Monats schon um 15 Uhr die Segel streichen, um ihre gewonnene Freizeit mit Familie oder beim Shoppen zu verbringen. Letzteres soll ganz nebenbei auch noch die Wirtschaft ankurbeln und so ein weiteres Problem adressieren, für das japanische Politiker seit Jahren erfolglos ein vernünftiges Konzept suchen. Ökonomen schätzen, dass durch die Implementierung des einen freien Nachmittags im Monat rund 560 Millionen Dollar durch gesteigerten Konsum in die Kassen spülen könnte.

ABE Shinzô
Premierminister ABE Shinzô. Bild: (c) palinchak/Bigstock

So schön, so theoretisch. Die Zeitung Nikkei Business hatte bei 155 Großunternehmen einen Realitätscheck unternommen und nachgehört, wie viele bereit sind, sich ABEs Konzept anzuschließen. 45% der Unternehmen gaben an, erst einmal den Premium Friday nicht einführen zu wollen. Immerhin 37% ließen wissen, dass man sich grundsätzlich vorstellen könnte mitzumachen oder bereits die Weichen dafür gestellt habe. In einer anderen Umfrage des Culture Convenience Clubs unter 1.603 Angestellten zeigte sich allerdings, dass am 24.2.2017 – dem ersten Premium Friday – nur 3,4% der Befragten tatsächlich früher und ohne Benachteiligung gehen konnten. Manche Unternehmen stellen es den Mitarbeitern frei, den Nachmittag frei zu nehmen; erwarten dann aber, dass Mitarbeiter die verlorene Zeit wieder reinholen.
Am ersten Premium Friday nahmen vor allen Dingen Großunternehmen wie Honda, Getränkemulti-Suntory und SoftBank teil. Der Telekommunikations- und Medienkonzern nutzt seine Teilnahme auch, um durch attraktive Arbeitsbedingungen neue Mitarbeiter zu werben. In Pressemittelungen wurde verlautbart, dass Mitarbeiter nicht nur zur Nutzung des freien Teilnachmittags angehalten werden, sondern dass sie zusätzlich noch Geld erhalten, welches sie am Premium-Friday ausgeben können und sollen.

Acht Uhr, Licht aus!

Demonstrativ ging auch ABE Shinzô am vergangenen Freitag mit gutem Beispiel voran, um seinen Mitmenschen das neue Konzept schmackhaft zu machen. Er ließ mitteilen, dass er sich zeitig ins Wochenende absetzen wolle, um in einem Tempel zu meditieren und dann eine Ausstellung zu besuchen. Ganz pünktlich hat dies nicht geklappt, da für 16 Uhr noch eine Pressekonferenz einberaumt worden war. Übrigens hat sich auch das Tokyo Metropolitan Government eine einfache, aber wirkungsvolle Methode einfallen lassen, um seine eigenen Beamten und Mitarbeiter nicht zu viele Überstunden anhäufen zu lassen und so vor einem möglichen Karôshi zu schützen: In den Gebäuden der Behörde wird Abends um 8 Uhr das Licht ausgeschaltet.

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1 Kommentar

  1. cheng
    März 16, 2017 bei 3:31 pm — Antworten

    Da bin ich echt froh nicht in Japan arbeiten zu müssen.
    Bei uns diskutiert man ja immerhin schon über die 4-Tage Woche, was meiner Meinung nach oft ausreicht (v.a. bei Bürojobs nimmt die Produktivität extrem schnell ab, je länger man „gezwungen“ ist zu arbeiten). Der Premium-Friday hört sich jetzt auch nicht so toll an 😀
    Im Gegensatz zur japanischen Arbeitsmentalität, muss die deutsche echt ein Mal gelobt werden: Lieber weniger, dafür produktiver. Natürlich gibt’s auch bei uns Workaholics en masse, aber der Großteil hat doch einen normalen 8h-Arbeitstag.

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