Japanisches Gold

Eine kleine Geschichte des Whisky im Land der aufgehenden Sonne

Japanisches Gold

Mr. Bob-san beugt sich in seinem schweren Ledersessel vor und greift zu dem Glas, das vor ihm auf dem Tisch steht. Der Inhalt leuchtet golden und verheißt Entspannung. Während die Eiswürfel verheißungsvoll klackern, prostet er sich selbst zu: „Während der Prime-Time heißt es nur Suntory Time.“ Doch bevor er auch nur an seinem Hibiki nippen kann, wird er schon von einem Regisseur angeschriehen: Zu wenig Emotion für so ein exklusives und teures Getränk. Cut.

Diese Szene aus Sofia Coppolas „Lost in Translation“ ist in mehrfacher Hinsicht eindrucksvoll. Zum einen präsentiert sie glaubhaft Schauspieler Bill Murray als jemanden, der einen langen und harten Tag mit einem guten Drink aufwertet. Zum anderen zeigt sie den hohen Stellenwert, den japanischer Whisky in Japan genießt.
Und das nicht nur im Inselreich: Wer heutzutage einen Premium-Malt trinken möchte, muss dabei nicht zwangsläufig zum Produkt einer schottischen Destille greifen. Seit einigen Jahren schon mischen japanische Brennereien sehr erfolgreich im Single Malt- und Blend-Business mit. Beim internationalen Wettbewerb „World Whisky of the Year“ ging 2015 der erste Platz bei den Single Malts an den japanischen Teilnehmer „Yamazaki Sherry Cask 2013“, während sich der „Suntory Hibiki 21 Years Old“ 2016 den Spitzenplatz bei den Blends sichern konnte.

Lange Tradition

Auch wenn japanische Brennmeister nicht wie die berockten Kollegen auf Destilliererfahrungen seit 1494 zurückgreifen können, reift auch im asiatischen Inselreich nicht erst seit kurzem aus Wasser und Getreidemaische Gebranntes zu Großem heran. Während man davon ausgeht, dass privilegierte Japaner bereits in der Edo-Zeit durch ein Handelsabkommen mit der Dutch East India Company in den Genuss von Whisky kommen konnten, kam erst mit der durch Nordamerika erzwungenen Landesöffnung im Jahr 1853 Whisky in größeren Mengen nach Japan. Der Gerstenbrand wurde populär, so dass sich ab 1890 auch Sake-Brennereien an der Spirituose versuchten. Mangels Detailwissen allerdings erfolglos.

Der eine Vater: Vom Großhändler zum Destillenbesitzer

Die Geschichte der ersten japanischen Whisky-Destille Kotobukiya in Yamazaki beginnt mit TORII Shinjirô. Der einstige Pharma-Großhändler war auch bei Wein und Spirituosen aus dem Westen auf den Geschmack gekommen. 1899 eröffnete er das Unternehmen Torii Shoten und verkaufte importierten Wein an japanische Kunden. 1907 wird das Angebot um den selbst hergestellten Akadama Portwein erweitert, der mit seiner Süße den damaligen Geschmack japanischer Zungen trifft. Ein paar Jahre später aus TORII ein wohlhabender Unternehmer geworden. Seine Vision: Einen Whisky erschaffen, wie ihn die Schotten brennen, der aber an das Klima des Inselreichs und an den japanischen Geschmack angepasst ist. Er gründet hierfür 1923 das Unternehmen Kotobukiya, das später unter dem Namen Suntory zum größten Getränkehersteller des Landes heranwachsen sollte. Einen großen Anteil am Erfolg hatte der erste Suntory Whisky Shirofuda (Weißes Etikett). Sein Ziel, einen Whisky zu brennen, der geschmacklich den „wahren, japanischen Charakter“ abbildet, erreichte Shinjirô seinem Empfinden nach 1937 mit dem Nachfolger Suntory Whisky Kakubin (Eckige Flasche). Doch dieses Ziel hatte er nicht alleine erreichen können.

Der andere Vater: Vom Chemiker zum Brennmeister

Während TORII Shinjirô sich über Importware an westliche Spirituosen herantastete, nutzte TAKETSURA Masataka den von seinem Arbeitgeber Settso Shuzo geförderten Wissens- und Kulturaustausch, um vor Ort die Vorzüge und das Geheimnis von Whisky kennen zu lernen. Wie man durch Fermentierung von Reis Sake herstellt, wusste er aus der elterlichen Brennerei in Takehara. Doch wie schufen die Schotten ihr Hochprozentiges aus Getreide? Der Weitgereiste studierte ab 1918 organische Chemie an der Universität von Glasgow, um sich dieser Frage anzunähern. Er reicherte sein theoretisches Wissen über Praktika an verschiedenen bekannten Destillen wie Longmorn in Speyside um die passende Handwerkskunst an. Doch nicht nur mit Gebranntem und der schottischen Kultur machte sich TAKETSURA bekannt. Im Januar 1920 heiratete Jessie Roberta „Rita“ Cowan, mit der er im November des selben Jahres in seine Heimat umzog.

Zurück in Japan erfuhr er, dass sein Arbeitgeber aufgrund wirtschaftlicher Probleme den Plan aufgegeben hatte, Whisky zu produzieren. Er bekam einen Job in TORII Shinjirôs Kotobukiya, teilte sein auf den Hebriden erworbenes Wissen und baute mit TORII die Yamazaki-Destille auf. Kurz nachdem aus Kotobukiya Suntory geworden war, kam der von TORII und TAKETSURA entwickelte Whisky Shirofuda auf den Markt.

Doch wie so oft, wenn ein Geschäftsmann und ein Künstler zusammenarbeiten, kam es zu Meinungsverschiedenheiten. TAKETSURA entschied sich 1934 Suntory zu verlassen und eine eigene Destille in Yoichi auf der nördlichsten der japanischen Hauptinseln Hokkaidô zu errichten. Das raue Klima hielt er für ideal, erinnerte es ihn doch stark an Schottland. Sein erster Whisky kam 1940 unter dem Namen Nikka auf den Markt, eine Kurzform des Unternehmensnamens Dainipponkajû.

Ungezügeltes Branchenwachstum

Während Suntory sein Getränkeangebot stetig ausbaute und 1963 auch sein erstes Bier herausgab, konzentrierte sich das 1952 in The Nikka Whisky Destilling umbenannte Konkurrenzunternehmen erfolgreich auf Whisky. 1967 eröffnete eine zweite Destille in Kashiwa, 1969 die dritte im Osten Honshûs. Hier, in Miyagikyo, wurde einen gänzlich anderer Typ von Whisky produziert, als in den anderen Brennereien. Während Yoichi bis heute auf kleine Brennblasen setzt, die von Kohle befeuert werden, sind die Brennblasen in Miyagikyo schlank und lang. Sie werden von Wasserdampf erhitzt. Der Geschmack des hier produzierten Whisky ist deutlich eleganter und feiner, was auch an der mit 72 Stunden deutlich kürzeren Fermentierung liegt. Diese dauert in der Yoichi Brennerei traditionell 120 Stunden. 1977, zwei Jahre vor seinem Tod, eröffnet Masataka noch eine weitere Destille in Tochigi. Nikka wurde 2001 von der Brauereigruppe Asahi übernommen.

Japaner in Schottland

Doch beschränkte die sich die Liebe der Japaner für den goldbraunen Hochalkohol nicht allein aufs Nachdestillieren und jahrzehntelanges Verfeinern. In den 1980er Jahren war die japanische Wirtschaft auf ihrem absoluten Höhepunkt und man investierte kräftig im Ausland. Während sich Sony mit dem Kauf von Columbia-Tri-Star in Hollywood etablierte, sicherten sich Suntory und Nikka auch Anteile an schottischen Traditionsdestillen. So ist Suntory zum Beispiel heute noch Eigentümer der renommierten Marken Bowmore, Auchentoshan und Glen Garioch. Auch Kirin, eine weitere, zum Mitsubishi-Konzerngeflecht gehörende Großbrauerei, setzt mit seiner Destille Fuji Gotemba in Shizuoka Zeichen und hat sich Anteile an verschiedenen schottischen Brennereien gesichert.

Goldene Zukunft

Mag Mr. Bob-san auch noch so traurig schauen und noch so wenig von den Anweisungen des energetischen Regisseurs verstehen, so ist eines sicher: Japanischer Whisky schaut einer goldenen Zukunft entgegen. Und das versteht man auch ohne ein Wort Japanisch zu können. Erlesener Geschmack ist international.

Selber kennenlernen

Wie ausgereift japanische Single Malts und Blends schmecken, kann jeder im Rahmen eines Tastings ausprobieren. Oder direkt eine eigene Flasche ordern.




Ghost in the Shell Szene
Vorheriger Artikel
Ghost in the Shell
Onsen-Achterbahn
Nächster Artikel
Schrilles Marketing für Onsen-Stadt

Kein Kommentare

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*

Zurück
TEILEN

Japanisches Gold