Japan und Korea: Gestern, Heute und Morgen

Über das angespannte Verhältnis zwischen zwei Nachbarstaaten

Japan und Korea: Gestern, Heute und Morgen

Deutschland – Niederlande, USA – Kanada, Japan – Korea: drei Beispiele für Nachbarstaaten, deren Bürger nicht unbedingt die größten Fans voneinander sind. Gemeinsam ist ihnen allen, dass ein wirtschaftlich schwächerer Staat einem scheibar übermächtigen Nachbarn gegenübersteht. Jenseits allgemeiner Spekulationen darüber, was uns dies generell und allgemein über eventuelle psychologische/soziologische Ursachen für diese Spannungen sagen könnte, möchte ich in diesem kleinen Essay kurz die konkreten Hintergründe im Falle Korea und Japans zur Sprache bringen.

Gestern

Die Beziehungen Japans zu Korea reichen weit zurück: Schon im 4. Jahrhundert, während der „Zeit der Drei Reiche“ Koreas, konnte sich das spätere japanische Kaiserreich (noch eine kleine Lokalmacht, die sich selbst „Yamato“ nannte) an der Südspitze der koreanischen Halbinsel mit dem eigens gegründeten Zwergstaat Mimana eine Machtbasis schaffen. Man mischte sich erheblich in die Streitigkeiten zwischen den drei koreanischen Reichen Kogûryô, Paekche und Silla ein und war mit Paekche verbündet, bis dieses zusammen mit Mimana im 6. Jahrhundert durch Silla besiegt und diesem einverleibt wurde. Damit war der unmittelbare Einfluß des Yamato-Reiches auf Korea beendet. Es fand jedoch weiterhin, unterbrochen von längeren Phasen, bis in die Neuzeit hinein, ein mal intensiverer, mal weniger intensiver Austausch mit Korea statt. Dieser gestaltete sich zumindest in kultureller Hinsicht weitestgehend einseitig, vom hochentwickelten Korea zum seinzerzeit noch eher rückständigen, aber äußerst lernwilligen Japan: nahezu die ganze chinesische Kultur und Wissenschaft erreichte Japan zunächst über Korea, über koreanische Mönche, Gelehrte, Handwerker und Künstler.

Zwar wurden etwa ab dem 8. Jahrhundert japanische Gesandte zum Studium auch direkt nach China geschickt, jedoch waren dies wegen der langen Reise vergleichsweise seltene Anlässe. Das Gros der wichtigen intelektuellen und kulturellen Anreize erreichte Japan über Korea und war somit trotz der koreanischen Neigung zur manierierten Konservation bereits in Ansätzen koreanisiert. In den Folgejahrhunderten kann man von einer Aufholjagd Japans sprechen, in der aus Korea und China aus Lehrmeistern immer mehr Konkurrenten wurden. Das Gefühl der Japaner, große Teil seiner Kultur den Chinesen und den Koreanern zu verdanken, spielte wohl schon damals und spielt bis heute eine große Rolle in der japanischen Befindlichkeit und lieferte den psychologischen Hintergrund für zwei besonders wichtige Ereignisse in der neuzeitlichen und jüngeren gemeinsamen Geschichte Japans und Koreas, die ich im folgenden nur kurz abhandeln möchte.

Hierzu zählen zunächst die beiden gescheiterten Korea-Feldzüge 1592 und 1597 des damaligen Regenten (er führte den Titel taikô) Toyotomi Hideyoshi (1536-1598). Dieser schickte sich nach der endgültigen Einigung des japanischen Reiches an, China zu erobern, musste hierzu jedoch zunächst seine Heere durch Korea marschieren lassen. Da dieses als treuer Vasallenstaat Chinas den Durchmarsch verweigerte, sollte auch Korea zunächst handstreichartig genommen werden. Hideyoshis Armeen wurden jedoch beide Male durch die koreanisch-chinesischen Truppen geschlagen, beim zweiten Versuch allerdings erst, nachdem den japanischen Heerführern durch den recht plötzlichen Tod Hideyoshis der strategische Kopf verloren gegangen war. Grund für die Aggression gegen China war vor allem das Bedürfnis, sich gegen die Allmachtsansprüche Chinas durchzusetzen; es war also tatsächlich ein Kampf um die Vorherrschaft zwischen China und Japan, angestachelt von einem allgemeinen japanischen Unterlegenheitsgefühl und dem Größenwahn Toyotomi Hideyoshis. Der chinesische Vasall Korea galt den japanischen Führern, die sich schon längst von der Vormacht emanzipiert zu haben glaubten, als minderwertig. Der Maßstab, an dem es sich zu messen galt, konnte für sie nur China sein.

Als am wichtigsten für das heutige Verhältnis zwischen Japan und Korea und als der Kulminationspunkt der bisherigen Entwicklungen ist aber zweifellos der Vorfall aus der jüngeren Vergangenheit zu sehen, nämlich die Kolonialisierung Koreas durch Japan. Der japanische Staat begann schon deutlich vor diesem Ereignis, entschieden Einfluss auf koreanische Angelegenheiten zu nehmen, musste sich aber gegenüber anderen Mächten, nämlich Russland und China, durchsetzen, bevor es Korea zunächst 1905 als Protektorat vereinnahmte und schließlich 1910 vollständig annektierte. Das Verhalten der Kolonialmacht Japan hier ausführlich darzustellen, fehlt der Raum (näheres hierzu ist im Beitrag „Japanischer Kolonialismus und Militarismus in der Taishô-Zeit“ zu finden), jedoch kann man kurz resümierend zu folgendem Urteil kommen: Japan wähnte sich endgültig überlegen und freute sich, in einer Vertauschung der historischen Rollen nun endlich seinerseits den rückständigen Koreanern den Fortschritt beibringen zu können. Es kann insgesamt bezweifelt werden, dass die japanische Kolonialherrschaft gewalttätiger war als beispielsweise jene der Briten in Indien oder der Niederländer in Indonesien. In der Anfangsphase bis in die 20er Jahre hinein galt Japan international gar als vorbildliche Kolonialmacht. Gleichwohl wurde das koreanische Volk durch Japan brutal unterdrückt und schwere Menschenrechtsverletzungen, gewalttätige Übergriffe und Ermordungen missliebiger koreanischer Dissidenten seitens der japanischen Ordnungsmacht waren an der Tagesordnung. Zu trauriger Berühmtheit sind auch die ganz überwiegend koreanischen ianfu („Trostfrauen“), die Zwangsprostituierten in japanischen Armee-Bordellen während des 2. Weltkrieges, gelangt. Während Premier KOIZUMI Junichirô 2001 sein „tiefe Bedauern“ gegenüber den Betroffenen aussprach, negierte ABE Shinzô diese Entschuldigung, in dem er am 1.3.2007 öffentlich in Frage stellte, dass die ianfu zu ihrer Tätigkeit gezwungen worden seien. Eine Aussage, die er am 26.3.2007 nach internationalen Beschwerden zurücknahm und durch eine neuerliche, japanische Entschuldigung tauschte. Somit wären wir schließlich in dieser Darstellung im Heute angelangt.

Heute

Heute stehen sich Japan und Korea offiziell als befreundete Staaten, gleichberechtigte Partner und gute Nachbarn gegenüber. Man kooperiert miteinander, zum Beispiel im großen Stil bei der gemeinsamen Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaften 2002. Doch dies sollte nicht über das immer noch problematische Verhältnis zwischen beiden Staaten hinwegtäuschen. Erst im Dezember 2015 trafen beide Staaten ein Abkommen, um die Streitigkeiten um die „Trostfrauen“ beizulegen. Teile der Vereinbarung waren die Zahlung von 1 Milliarde Yen an einen koreanischen Fond, der Betroffenen zugute kommen soll sowie eine öffentliche Entschuldige. Diese „Entschuldigung von ganzem Herzen und ein Gedenken an diejenigen, die vielfachen Schmerz erlitten hätten und deren sowohl körperliche als auch psychische Narben schwer zu heilen seien“ wurde von ABE verfasst und durch Außenminister KISHIDA Fumio zuerst ausgesprochen. bevor sie von ABE später gegenüber Südkoreas Präsidentin Park persönlich wiederholt wurde.

Auch wenn endlich ein offizielle Entschuldigung erfolgte, sah dies jahrzehntelang anders aus und ließ die tiefen Wunden zwischen den Nachbarstaaten Japan und Südkorea nicht heilen. Lange Zeit kam den japanischen Premiers als Standardfloskel lediglich ein ikan desu – etwa „Dies ist sehr bedauerlich“ – über die Lippen. Stattdessen belasteten alljährlich Schulbuch-Skandale (in durch die japanische Aufsichtsbehörde für den Geschichtsunterricht zugelassenen Schulbüchern werden immer wieder japanische Kriegsverbrechen beschönigt, geleugnet oder verschwiegen) und die Besuche hoher Staatsvertreter bis hin zum Premierminister beim Yasukuni-Schrein (an dem unter anderen auch die 6 hingerichteten Kriegsverbrecher der Tôkyô-Tribunale verehrt werden) das Verhältnis zwischen beiden Staaten.

Aber auch Südkorea hat zum Teil die bis heute andauernde gegenseitige Befremdlichkeit zu verantworten. Lange Zeit wurde eine harte Politik der Abgrenzung verfolgt. So durften beispielsweise japanische Medienprodukte, also Zeitungen, Zeitschriften und die schon damals beliebten japanischen Manga oder Anime per Gesetz nicht nach Korea eingeführt werden. Erst der südkoreanische Präsident Kim Dae-Jung hatte einen Kurs eingeschlagen, der sich um eine Verbesserung der Beziehungen zwischen Korea und Japan bemügte.

Auf der zwischenmenschlichen Ebene bietet sich ein sehr gemischtes Bild. Ich selbst habe eine ganze Reihe von Japanern kennengelernt, die auf Befragung Ablehnung verschiedenster Art gegenüber Korea zum Ausdruck brachten. Meistens konnte mein Gesprächspartner nicht genau formulieren, was ihn störte, mir drängte sich aber der Eindruck auf, dass man einerseits, als leichte Reminiszenz alter japanischer Überlegenheitsdünkel, immer noch gerne etwas auf die Koreaner herabsieht, andererseits aber auch diese als „laut“ empfindet. Zudem ist bei einer großen Zahl gerade auch junger Japaner das historische Wissen und Bewusstsein nur schwach ausgeprägt, was ihnen ein Verständnis Koreas, in dessen Gedächtnis die eigene Demütigung durch Japan noch immer sehr präsent ist, sehr schwer macht.

Morgen

Auch für die nähere Zukunft steht zu befürchten, dass Korea und Japan sich nicht entscheidend näher kommen werden. An eine Entwicklung wie in Europa vergleichbar einer deutsch-französischen Freundschaft, oder gar an die Entstehung einer der EU vergleichbaren Gemeinschaft mit Japan und Korea als wesentliche Teile ist noch nichtzu denken. Diesen ganz persönlichen Eindruck teile ich mit vielen meiner japanischen Freunde und Bekannten, was durch die Bank alle (auch die „Korea-Ablehner“) bedauerten. Dass dieses Subjektivurteil nicht so weit von der Wirklichkeit sein kann, zeigte sich auch bei den geteilten Fußball-Weltmeisterschaften. Sollte durch die  Zusammenarbeit beider Länder die Partnerschaftlichkeit gestärkt werden, wurde die Durchführung der Großveranstaltung durch Eifersüchteleien und Profilierungssucht auf Kosten des jeweils Anderen gestört. Tatsächlich wurde nicht nur bei der Ausrichtung des Turniers, sondern auch im sportlichen Wettkampf selbst eine harte Konkurrenz ausgefochten, obwohl beide Nationalteams gar nicht im direkten Vergleich aufeinandertrafen: die Rede ging in der japanischen Gesellschaft, aber auch in kleineren Zeitungsartikeln am Rande, ob sich die Spannungen im japanisch-koreanischen Verhältnis nicht noch weiter verschärfen würden, wenn die japanische Mannschaft die nächste Runde erreichen würde, die koreanische aber zuvor ausscheiden sollte. Zugleich war aber auch kurze Zeit später ein deutliches Aufatmen in Japan spürbar, als die koreanische Mannschaft im Halbfinale von der deutschen Mannschaft geschlagen wurde: eine Finalteilnahme, und das auch noch in Yokohama in einem japanischen Stadion, das wollte man den Koreanern dann doch nicht zugestehen.

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